Das Arbeitszeugnis im Wandel der Zeit
Die hier präsentierten Arbeitszeugnisse aus unserer Sammlung sind nicht nur faszinierende Dokumente der Zeitgeschichte, sondern zeugen auch von den Traditionen und
Entwicklungen der Zeugnisschreibung: so gab es die heute üblichen Zufriedenheitsformeln bereits im frühen 19. Jahrhundert, auch wenn
sie erst in den 1970er Jahren Noten zugeordnet
wurden. Zudem zeigen die Dokumente, dass in der Vergangenheit häufiger
Empfehlungen in Zeugnissen ausgesprochen wurden, wie wir sie heute aus den englischen
Letters of Reference
oder aus
Empfehlungsschreiben
kennen. Umfassende Informationen zur
500-jährigen Geschichte des Arbeitszeugnisses, zur
Entwicklung der Zeugnissprache und zu
Codes der Zeugnissprache finden Sie auf unseren Themenseiten.
1. Gerichtsschreiber, 1823
Zeugniß
Daß Johann Joseph Weisenbach, Sohn des Johann Weisenbach sel. geweßten
Gerichtsdiener in Imst, nach dem Ableben seines genanten Vaters
dessen Dienst im Jahre 1818 u. 1819 als Gehilf fleißig und mit
gänzlicher Zufriedenheit daiger Gemeide versehen, und in allem
rechtschaffen sich verhalten habe, wird hiemit zu seiner allseitigen
besten Empfehlung bestätiget.
Jerzens am 28. April 1823
Jakob Jerner Vorstand.
2. Commis, 1856
Zeugniss
Herr Eduard Wenzelides aus Iglau in Mähren gebürtig, hat in meiner gemischten Waaren Handlung von ersten Juli 1853 bis 22 Februar 1856 als Commis servirt,
und sich während dieser Zeit zu meiner vollkomenen Zufriedenheit benommen, daß keinen Anstand nehmen kann, selben allen Handlungsfreunden auf das beste
anzuempfehlen. — Urkund dessen meine eigenhändige Fertigung und die bey[druckung] meines sichernden Handlungssiegels. —
Choteborz 23 Februar 1856.
Anton Bauer
3. Unterlehrer, 1864
Dienstzeugniß
Unterlehrer Leopold Flesch hat seit dem 10. Mai d.J. bis heute in der I. Klasse der hiesigen Volksschule mit sehr großem Fleiß und Geschick und entsprechendem
Erfolge den Unterricht ertheilt, die Schulzucht mit liebevollem Ernst gehandhabt, bei der Kirchenmusik mit Kenntniß und Liebe mitgewirkt und damit ein
tadelloses Verhalten verbunden. Dieß bezeugt
Ettenheim, 18. September 1864.
Ortsschulinspection
(gez.) Hoch.
4. Braumeister, 1868
Zeugniss
Der Herr Georg Henz aus Betzenweiler
war vom 16. Novbr. 1865. bis heute als Braumeister
in meinen Diensten; derselbe hat sich während dieser
Zeit nicht nur als solide, fleißig u. ordnungsliebend
erwiesen, sondern er hat auch besthätigt, dass er einem
derartigen Posten in jeder Hinsicht selbstständig
vorstehen kann. Besonders hervorheben möchte ich,
daß der Betreffende seine Untergebenen in Zucht u.
Ordnung zu halten wußte.
Ich gebe ihm daher gerne das Zeugniss [xx.] vollsten
Zufriedenheit und wünsche ihm zu seinem ferneren
Fortkommen alles Glück.
Engelberg, 1. Sept. 1868
Wilh. Link
5. Lehrling, 1893
Zeugniss
Leo Müller von Weißensberg geb. 27 Juni 1874. war
bei dem Unterzeichnenten laut Lehrvertrag vom
7 Oktober 1890. bis heute statt wie der Lehrvertrag
lautet bis 7 April dis Jahr, als Lehrling für Schreiner
und Glaserarbeiten in der Lehr gestanden, derselbe
hat sich theilweise vollständige Kentnüße erworben,
und jedoch anderer theils wäre demselbe noch die
[rück]ständige Lehrzeit von großem Nutzen.
Was fleiss treue u. folgsamkeit anbetrifft, hat derselbe
ein gutes Zeugniss erworben.
Berg den 18. März 1893.
Michael Sigg
Schreiner u. Glasermeister
6. Schlossergeselle, 1905
Laupheim, den 25. Juni 1905
Zeugniss
Der Schlossergeselle Johannes Wohllaib aus
Fellheim war vom 1 Mai 1902 bis 1 Mai 1905 bei
mir in der Lehre u. von da bis heute als Geselle thätig
u. hat sich während dieser Zeit durch Fleiß u. gutes
sittliches Betragen meine volle Zufriedenheit erworben,
so daß er jedem Meister bestens empfohlen werden kann.
Dies bezeugt
Josef Manz
Schlossermeister.
7. Bürogehilfe, 1914
Tempelburg, den 22. Januar 1914
Zeugniss
[VORNAME NAME], geboren am 10. März 1898 zu Virchow, Kreis Dramburg, ist in meinem Bureau, vom 14. März bis 1. Dezember 1913 mit Abschreiben, Buchungen, Einkassieren
von Prämiengeldern u dgl beschäftigt gewesen. Derselbe hat sich während dieser Zeit tadellos geführt, war willig, folgsam, ehrlich et bemüht meine Zufriedenheit
zu erwerben et ist auf seinen Wunsch am 1. December [xx.] J. von mir entlassen. Ich wünsche ihm zu seinem ferneren Fortkommen [Glück].
Dies bescheinigt:
E. Kuck
Generalagent
Für die Richtigkeit der Unterschrift.
Tempelburg, den 22. Januar 1914
die Polizei-Verwaltung.
Bauer
8. Werkzeugschlosser, 1917
Saalfeld (Saale), den 15. Mai 1917
Zeugnis.
Der Vorarbeiter Herr [NAME]
geboren am 14.11.1884 zu Münchenbernsdorf war vom 2./10.06
bis Ende 1910 als Werkzeugschlosser in unserem Werkzeugbau
und von Anfang 1911 an bis zu Ausbruch des Krieges als
Fräserei-Vorarbeiter in unserem Betriebe beschäftigt.
Wir sind mit seinen Leistungen, sowie
Führung stets zufrieden gewesen.
Nähmaschinenfabrik Adolf Knoch
Akt.-Ges.
9. Vertragsangestellter (Leutnant a.D.), 1920
Vereinigte Abw.-Stelle
3. Inf.-Regts. 4. Chev. u. 4. Feld-Art.-Regts.
Zeugnis.
Herr [NAME] ist seit Rückkehr des [Rgts] aus dem Feld beim Abwicklungswesen, zuerst als Offz. Stellv. und nach der Entmilitarisierung als Vertrags-Angestellter
tätig gewesen.
In dieser Zeit hat er seine Dienstgeschäfte in jeder Sparte mit größtem Fleiß und der ihm als altgedienten Soldaten gewohnten Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit
ausgeführt. Seit August 20 hat er als Leiter der Unterabteilung PI durch sein persönliches Auftreten die Arbeiten dieser Abteilung aufs Beste gefördert.
Für seine unermüdliche Tätigkeit freue ich mich, ihm meine vollste Anerkennung aussprechen zu können.
Seine Tätigkeit wurde auch höheren Ortes durch Verleihung des Charakters als Leutnant a.D. anerkannt.
Das Zeugnis wird auf Wunsch erstellt.
Augsburg, 3.9.20.
Der Leiter der Paß-Abteilung
Schreyer
Hauptmann a.D.
10. Chauffeur, 1925
Zeugnis-Abschrift.
Graf von Carmer'sches Wirtschaftsamt.
Zieserwitz (Post), den 16. April 1925
Der Maschinist [NAME] war vom 1. Januar 1923 bis heut
als solcher hier beschäftigt. Zuerst war er Chauffeur beim Herrn
Grafen bis später das Auto verkauft wurde. Nachdem übernahm [NAME]
die Führung der Dreschmaschine und die Reparatur sämtl. hier vorhandenen
landwirtschaftlichen Maschinen, die er zur grössten Zufriedenheit
ausgeführt hat. [NAME] ist ein nüchterner, fleissiger und
braver Mensch, dem ich zu seinem weiteren Fortkommen das beste Glück
wünschen. Nachdem ich seit dem 1. April pensioniert bin, liess er
sich von mir ein Zeugnis ausstellen.
gez. [NAME]
früherer Inspektor
11. Selbständiger Buchhalter, 1932
Prag, den 30. September 1932.
ZEUGNIS
Wir bestätigen hiermit, dass Herr [NAME] bei uns vom 15. Dezember 1931 bis 30. September 1932
als selbständiger Buchhalter in unserer Durchschreibe-Buchhaltung nach dem System Hinz beschäftigt war.
Herrn [NAME] oblag die Führung der Bücher, einschliesslich der Bilanzierung, weiters Ausfertigung der Steuereinbekenntnisse
und selbständige Erledigung der Buchhaltungskorrespondenz. Den Verkehr mit der Kundschaft hatte
er deutsch, oder tschechisch abzuwickeln. Herrn [NAME]
können wir das Zeugnis ausstellen, dass er sich in seinen Arbeiten als tüchtiger, verlässlicher Mitarbeiter erwiesen hat
und erfolgt sein Abgang nur deshalb, da wir zufolge der erneuten Devisenschwierigkeiten und des dadurch
nahezu unmöglich gewordenen Importes ausländischer Wagen, sämtliches Personal entlassen mussten.
Hochachtungsvoll:
Knoll & Co.
12. Werk- und Maschinenmeister, 1937
Zeugnis.
Herr Schlossermeister [NAME], jetzt wohnhaft [ORT] war in der Zeit vom 7.10.24.-
23.12.31, vom 7.1.-13.9.32., vom 23.9.-18.3.33 und vom 3.4.-18.7.1934 im hiesigen Werk als Werkmeister
unserer Schlosserei
und als Maschinenmeister tätig. Als solchem lag ihm die Beaufsichtigung, Unterhaltung und Instandsetzung unserer
Kraftzentrale von
280 PS (2 Dampfkessel, 2 stationäre Dampfmaschinen und Generatoren mit Accumulatorenbatterien)
sowie unseres umfangreichen
Maschinenparks an Holzbearbeitungsmaschinen aller Art ob.
Auch hat Herr [NAME] während seiner Tätigkeit selbständig
Gatter ab- und aufmontiert u. auch andere Holzbearbeitung betriebsfertig
aufgestellt. Ausserdem hatte Herr [NAME] die Pflege und
Wartung u. Instandsetzung unseres Personen-Kraftwagens zu beaufsichtigen
und hatte Herr [NAME] auch wiederholt grössere Reparaturen
daran wie Neulagerung der Motore usw. ausgeführt. Ferner hat Herr
[NAME] verschiedene kleine Spezial-Holzbearbeitungsmaschinen nach
gegebener Anweisung angefertigt und oblag ihm ausserdem die Aufsicht
über die Ausbildung der Lehrlinge und Herstellung von Baubeschlägen aller Art.
Dazu unterstanden ihm bis zu ca. 25 Gefolgsleute in der Regel 10 Mann.
Während seiner Tätigkeit hat sich Herr [NAME] fleissig, ehrlich
zuverlässig und strebsam erwiesen und hat auch die ihm aufgetragenen
Arbeiten stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt.
Von 1932-1934 konnte Herr [NAME] wegen starker Betriebseinschränkung
bzw. vorübergehender Stilllegung des Werkes nicht
beschäftigt werden. Im Sommer 1934 hat Herr [NAME], der inzwischen
seinen Wohnsitz von Kreuz nach Templin verlegte, seine Stellung
bei uns aufgegeben, weil er sich nicht auf die Dauer von seiner
Frau trennen wollte.
Wir wünschen Herrn [NAME] für die Zukunft alles Gute.
Dragemühl, den 8.2.1937
13. Lagerverwalter / Versandleiter, 1945
LDF./ La. 28. Juni 1945
Zeugnis
Herr [NAME], geb. am [DATUM] in Stettin, war in der
Zeit vom 1. Oktober 1943 bis 19. August 1944 bei unserer Aussenstelle
Frankreich als Lagerverwalter in Paris beschäftigt.
Herrn [NAME] wurde die kaufmännische und technische Leitung eines
grossen französischen Mineralöl-Tanklagers übertragen. Er hatte während
seiner Tätigkeit rd. 200 französische Arbeiter und Angestellte zu
betreuen.
Die Verwaltung des Tanklagers erforderte grosse Sachkenntnis und Umsicht.
Herr [NAME] hat mit Fleiss und Interesse seinen Posten zu unserer
vollsten Zufriedenheit ausgefüllt. Wir können ihm bestätigen, dass er
in der Lage ist, selbständig und gewissenhaft zu arbeiten. Sein Ausscheiden
aus der Aussenstelle Frankreich erfolgte aufgrund der militärischen Lage am 19. August 1944.
Nach Rückkehr des Herrn [NAME] nach Deutschland wurde er auf unserem
Mineralöl-Tanklager in Raudnitz/Elbe als Versandleiter beschäftigt. Er
hat auch hier seine Pflicht voll und ganz erfüllt.
Durch die veränderten Verhältnisse, die eine Auflösung unserer Gesellschaft
bedingen, müssen wir Herrn [NAME] zum 30. Juni 1945 kündigen. Wir wünschen ihm
für sein ferneres Leben alles Gute und empfehlen ihn jeder
Firma als brauchbaren Mitarbeiter.
Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft m.b.H.
Editorische Anmerkungen:
A. Unsichere Lesungen sind in eckige Klammern gesetzt. Nicht entzifferbarer Text wird als x (ein x pro Buchstabe) in eckigen Klammern wiedergegeben. Wir freuen uns
sehr über Hinweise zur Transkription der betreffenden Textstellen!
B. Unter Berücksichtigung des Persönlichkeitsschutzes post mortem sind die Namen der Arbeitnehmer in allen nach 1911 ausgestellten Dokumenten geschwärzt.
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